Ich bin seit neun Jahren in Bremen, schon eine lange Zeit! Es ist nicht einfach! Es ist nie einfach, etwas Neues aufzubauen, egal ob es etwas Gutes oder Schlechtes ist. Viele haben mit einem Mitleidsgefühl zu mir gesagt: „Bestimmt war es mit der fremden Sprache schwer für Dich!“ Neue Buchstaben, neue Worte, neue Sätze bauen. Das war schwer, aber für mich war nicht die Sprache das Schwierigste, sondern das Leben selbst. Es gibt Regeln, die nicht aufgeschrieben werden. Und diese Regeln muss man hier lernen, mit Kopf, Körper und Seele. Das war für mich schwer! Hier in Deutschland hat man viel mehr Freiheit. Deshalb ist es vielleicht für Deutsche nicht so wichtig oder weniger wichtig als es bei uns war: Sich an die anderen Leute anpassen. Bei uns hat die Meinung der Gesellschaft eine viel größere Rolle gespielt. Jetzt nach neun Jahren kann ich sagen: „Es ist eigentlich egal, wie ich etwas mache. Wenn ich es gut finde, ist es gut. Und Punkt!“ Aber am Anfang habe ich mir Gedanken gemacht: Wie findet das meine Nachbarin? Wie gucken die anderen Leute? Wie laufe ich herum, wie sehe ich aus? Alle sehen, dass ich eine Ausländerin bin! Ich wollte mich anpassen, nicht peinlich sein. Das war immer meine Sorge. Und dazu kommen die sprachlichen Schwierigkeiten, die Artikel der, die das, Akkusativ und Dativ und solche Sachen! Und diese Mischung ist nicht einfach! Schon gar nicht, wenn Du für Deine Familie verantwortlich bist. Ich bin verheiratet und habe einen Mann und einen Sohn. Mein Sohn war damals neun Jahre alt. Er ist jetzt 18 Jahre alt. Diese Jahre sind sehr, sehr wichtig für Kinder, für mich als Mutter auch! Hier in Deutschland mit Kind zurechtzukommen, ist nicht einfach weil es hier große Unterschiede zu unserer Erziehung gibt. In unserer Gesellschaft hatte man ganz deutliche Grenzen. Das war einfacher zu leben. Finanziell ist es hier vielleicht einfacher, aber seelisch ist es für mich hier schwerer.
Am Anfang habe ich mich ganz stark gefühlt. Ich habe gedacht: Ich bin jetzt hier und kann auch mit meinen Mitmenschen umgehen. Aber wenn man ein paar Mal Enttäuschungen erlebt, dann ist man ein bisschen vorsichtig! Das finde ich so schlimm! Ich bin so vorsichtig geworden! Jetzt gehe ich nicht mehr so oft auf andere zu! Und das gebe ich auch an meine Kinder weiter. Z.B. in der Nachbarschaft: Wir wohnen seit fast sieben Jahren mit unseren Kindern in diesem Haus. Jetzt, nach sieben Jahren, hat mein Sohn das erste Mal mit dem Nachbarsohn, er wohnt ein paar Häuser weiter, ein bisschen geredet und gespielt. Ich habe immer das Gefühl gehabt: „Die wollen vielleicht keinen Kontakt mit uns aufnehmen.“ Sie haben sich immer zurück gehalten. Ich habe sie immer gegrüßt, aber langsam, langsam habe ich damit aufgehört. Ich dachte: „Vielleicht störe ich sie nur?“ Und eines Tages kam mein Sohn zu mir und hat gesagt: „Ich war draußen und der Junge von drüben hat gefragt, ob wir uns treffen können!“ Ich habe gesagt: „Ja, wenn das Kind selber das so will!“ Aber dann bekam mein Sohn ein bisschen Angst und fragte mich, ob ich mitkomme. So sind wir zusammen hingegangen, haben geklingelt und ich habe gesagt: „Wir sind aus der Nachbarschaft. Wir kennen uns vom Sehen. Unsere Kinder wollen zusammen spielen!“ Sie haben ein paar Minuten zusammen gespielt und dann ist mein Sohn wieder nach Hause gekommen. Das ist nicht so einfach, hier Kontakt aufzunehmen! Ich glaube, das ist überall so: Es gibt Leute, die Interesse haben und Kontakt aufnehmen wollen und es gibt andere. Das ist nicht nur hier in Deutschland so. Hier in Deutschland spielt die Sprache eine große Rolle. Die Leute wundern sich, wenn man nicht so gut Deutsch spricht wie sie. Ich habe mal gehört wie eine Mutter im Kindergarten gesagt hat: „Mein Kind soll selbst seine Freunde aussuchen – nur Ausländer, die gehen überhaupt nicht!“ Das war ganz schön heftig! Wenn die Menschen so denken, muss man aufpassen.
In der Türkei habe ich in einer Stadt gelebt, in der viertgrößten Stadt der Türkei. So war ich an das Stadtleben gewöhnt, als ich nach Bremen kam. Eher war die Sprache ein Problem und die diversen Beschränkungen. Ich wollte gerne gleich arbeiten oder studieren und möglichst schnell Geld verdienen, um nicht von dem Gehalt meines Mannes abhängig zu sein. Das ging erstmal nicht. In der Türkei hatte ich gleich nach der Schule ein Jahr gearbeitet. So war der Unterschied sehr deutlich: In der Türkei hatte ich den ganzen Tag gearbeitet, in Deutschland konnte ich den ganzen Tag nicht arbeiten! Ich hatte keine Orientierung mehr. Ich wusste nicht, was ich machen soll. So waren die ersten vier Jahre für mich ein Schock! Vier Jahre nicht arbeiten können! Zuerst hatte ich hier niemanden. Das war auch schwierig. Und vor 26 Jahren hatten die meisten Leute in der Türkei noch kein Telefon. Wir haben uns Briefe geschrieben. Ich habe meine Familie sehr vermisst, meine Geschwister. Fast jeden Tag habe ich in den Briefkasten geguckt! Die Briefe brauchten ja lange! Kam ein Brief, habe ich sofort zurück geschrieben! Heutzutage ist das alles viel einfacher. Die Türken, die jetzt kommen, haben nicht so viele Schwierigkeiten wie wir damals. Die Kommunikation ist viel einfacher und die Flüge sind günstiger und häufiger. Damals waren die Flüge sehr teuer, weil weniger Leute geflogen sind. Mehr als einmal im Jahr konnten wir nicht in die Türkei fahren. So haben wir nur einmal im Jahr unsere Familien gesehen. Heutzutage kann man sehr oft fliegen, es ist bezahlbarer geworden. So brauchte man damals umso mehr Freunde. Aber es hat lange gedauert, bis sich die passenden Freunde gefunden haben, das hat wirklich lange gedauert!
Mein erster Tag in Deutschland? Ich hatte meinen Mann sechs Monate nicht gesehen und war froh, ihn wieder zusehen. In Istanbul sind viele Hochhäuser. Als ich nach Deutschland kam, habe ich gesagt: „O, die Häuser hier sind schön!“ Das fand meine Mama auch. In Istanbul sind immer viele Menschen auf der Straße. Als ich im Dezember nach Deutschland kam, fiel mir auf, dass hier gar keine Menschen auf den Straßen sind, nur ganz wenige. Ich habe gedacht: „Dürfen die Menschen hier nicht auf die Straße gehen?“ „Nein“, hat mein Mann gesagt „hier sind die Menschen viel in den Häusern.“ Das fand ich komisch. Ich konnte es nicht begreifen, dass fast keine Menschen auf der Straße sind.
Egal wo Du wohnst, wenn Du keine richtigen Ziele und keine richtige Meinung zum Leben hast, bist Du immer unzufrieden, egal wo – und Du bekommst keine ruhige Zeit für Deine Seele. Das ist meine Meinung! Viele Leute kommen aus der Heimat hierher, weil sie mit der Situation zu Hause unzufrieden sind. Hier vergleichen sie sich dann mit den Nachbarn oder mit sonst wem und sind wieder unzufrieden! Aber der Mensch muss seine Grenze kennen, er muss sehen, was er haben kann, und was nicht. Ich habe gemerkt: Wenn die Menschen sich keine Grenzen setzen in dem, was sie haben wollen, sind sie immer unzufrieden. Immer unzufrieden, egal was und egal wie! Der Mensch muss mit dem zufrieden sein, was er hat. Im Russischen gibt es das Märchen von dem Fischer und seiner Frau: Die alte Dame hat ihr Leben lang mit dem alten Mann zusammen gelebt und hat ein altes Haus und eine alte Wanne, in der sie die Wäsche gewaschen hat. Sie hat zu ihrem Mann gesagt: „Mein lieber Mann, guck doch, die Wanne ist kaputt, und unser Haus ist auch kaputt. Wir sind so arme Menschen. Geh zum Meer. Vielleicht fängst Du einen Fisch, dann haben wir wenigstens etwas zu essen!“ Der Mann ging ans Meer, hat da gesessen und war traurig. Dann fängt er einen Fisch, einen goldenen Fisch. Der Fisch hat zu dem alten Mann gesagt: „Bitte lass mich im Meer! Du bekommst dafür, was Du willst, aber nur drei Mal!“ Und der Mann sagt bei dem ersten Mal: „Guck doch, wir sind so arm. Wir haben eine ganz alte Wanne. Sie ist kaputt. Wir brauchen nur eine neue Wanne, sonst können wir nicht Wäsche waschen.“ Und der Mann kommt nach Hause und die Frau sagt: „Guck doch, wir haben eine neue Wanne!“ Und dann hat der Mann alles erzählt. Und die Frau schimpft mit ihm: „Du bist ein alter, dummer Mann! Du hättest Dir das und das und das wünschen sollen!“ Am Ende sitzt sie wieder da mit ihrer alten Wanne und sagt: „Ach, ich war dumm. Ich war immer unzufrieden!“ So ist das im Leben ganz oft. Wie möchte ich dies? Wie möchte ich das? Und der Mensch ist immer unzufrieden! Man soll mit dem was man hat nicht begeistert aber zufrieden sein! Das ist meine Meinung. Vielleicht erfüllt sich dann mancher Wunsch ganz überraschend. Ich muss sagen, ich bin zufrieden! Alles, was ich mir wünsche, habe ich. Aber manchmal überlege ich wie diese alte Frau aus dem Märchen: Wenn ich das und das hätte wäre es besser! Aber dann fällt mir dieses Märchen ein und ich denke: Nein!
