Die junge zierliche Chinesin kommt lächelnd auf mich zu. Sofort beginnt sie schnell und wortgewandt auf Deutsch zu plaudern.
Was motiviert, aus dem großen China in das überschaubare Deutschland zu ziehen? „Mein Mann ist Deutscher. Wir haben uns in China kennen gelernt. Er ist total süß, er ist mein Traummann. Darum bin ich Neujahr 2006 hierher gekommen.“ Der Entschluss ist nicht leicht gefallen. „Damals, als ich noch in China war, habe ich sehr gezweifelt. Ich wollte überhaupt nicht hierher kommen. Ich wollte in China bleiben, dort ist meine Mutter und dort sind alle meine Freunde.“ Nicht nur Freunde und Familie, auch die Arbeit macht einen Umzug nach Europa schwer vorstellbar. In einem Unternehmen, das Kunststoff für Autos produziert, arbeitet Liman als Übersetzerin und Sekretärin. „Mein Mann hat dort mehrmals als Techniker für ein paar Monate chinesische Kollegen in den Umgang mit neuen Maschinen eingewiesen. So haben wir uns in dieser Firma getroffen.“
Wäre auch in China ein Leben zu zweit möglich gewesen? „Ich hatte bereits für meinen Mann in China einen Arbeitsplatz gefunden. Das Gehalt wäre sogar ganz gut gewesen. Aber er wollte auf keinen Fall in China bleiben, er wollte wieder nach Deutschland. Ich konnte nichts machen. Ich habe so geweint.“ Liman Yu-Weddige nimmt den Schmerz des Abschieds von China auf sich, um ihrer Liebe zu folgen. Sie erinnert sich ganz deutlich an ihre Ankunft in Deutschland. „Ich konnte überhaupt kein Deutsch, nur Englisch. Das Flugzeug landete in Langenhagen. Mein Mann wollte mich mit meinen Schwiegereltern zusammen abholen und hatte sich um fünf Minuten verspätet. Es war ein Stau auf der Autobahn. Aufgeregt dachte ich: ‚Was soll ich machen? Ich kann kein Deutsch, ich habe kein Handy!’ Ich habe fast geweint.“ Mit einem Lachen schüttelt sie die angstvolle Erinnerung ab und ergänzt: „Aber dann kam er, und ich habe meine Schwiegereltern zum ersten Mal gesehen. Wir leben zusammen in einem Haus mit Garten. Sie wohnen unten, wir wohnen oben. Es ist schön.“
Wie kann Integration besser gelingen? „Neulich habe ich mit einer Perserin gesprochen. Sie hat gerade eine gute Stelle bekommen. Nach diesem Gespräch war mir klar, warum ich hier zuerst keine guten Fortschritte bei der Integration gemacht habe: Sie wusste von Anfang an, dass sie hier bleibt. Sie hat hier studiert und inzwischen eine gute Position. Bei mir war es genau umgekehrt: Ich konnte mir gar nicht vorstellen, meine Heimat zu verlassen! Das ist der wesentliche Punkt. Migrantinnen wie ich können nicht erfolgreich sein!“ Nahid Talebi kommt auf das Wesentliche: „Wenn man sich entscheidet ins Ausland zu gehen, muss man eine klare Perspektive haben, und nicht wie ich die ganze Zeit darauf warten, dass man wieder zurückgeht.“ Es gibt auch eine Alternative: „Manche möchten auch nur im Ausland studieren und gehen dann wieder zurück. Diesen Weg gehen etliche Landsleute. Auch sie sind viel erfolgreicher als ich.“ Die Erzählende hört scheinbar einen Moment dem sommerlichen Gezwitscher der Vögel zu. „Wer wie ich hierher kommt und die ganze Zeit denkt, wieder zurück zu gehen, hat es schwer.“
Seitdem die fürsorgliche Mutter den deutschen Pass hat und ihr klar wurde, dass sie hier bleibt, bemüht sie sich um Arbeit, knüpft Kontakte, lernt die Gleichstellungsbeauftragte des Landkreises Peine kennen. Im Rückblick wird der studierten Sozialwissenschaftlerin die Tragweite der jahrelangen Hoffnung auf Rückkehr in den Iran schmerzhaft bewusst: „Wenn ich gewusst hätte, dass wir hier bleiben, hätte ich hier längst weiter studiert.“ Sie erinnert sich an zaghafte Versuche in diese Richtung vor etlichen Jahren. „An mein Studium im Iran anknüpfend, wollte ich hier als Doktorantin weitermachen. Mein Sohn war sechs Monate alt, mein Mann selbständig, er hatte ein Geschäft.“ Das Kind kommt abwechselnd zur Tagesmutter und zum Vater ins Geschäft. Für alle Beteiligten eine Herausforderung. „Ich merkte, dass ich das nicht schaffe… Dann habe ich mit meinem Professor gesprochen. Er hat mir vorgerechnet, dass ich noch ungefähr fünf Jahre studieren muss. Ich habe gesagt: ‚Noch fünf Jahre? Ich bleibe gar nicht solange hier!’“ Eine fatale Fehleinschätzung. „Wenn ich damals weiter gemacht hätte, wäre ich längst fertig, und hätte eventuell eine gute Stelle…. Das ist schade!“
Hely Kramer erinnert sich an ihre ersten Jahre als Familie in Deutschland: „Meine Tochter ist in Finnland geboren. Ich wohnte dort allein mit ihr, dann kam ich hierher. Wir haben in Braunschweig nach Wohnungen geguckt. Ich war bereits mit dem zweiten Kind schwanger und stellte mir vor: Vierte Etage. Ein Kind unter dem linken Arm, eins unter dem anderen. Der Kinderwagen durfte nicht im Treppenhaus stehen. Zwischen 13 und 15 Uhr sollte man auf den Knopf drücken, der dafür sorgt, dass die Kinder leise sind.“ Frau Kramer lacht und für einen Moment sehe ich sie in Gedanken mit den zwei Kindern unter dem Arm….
Damals entscheidet sie sich, mit den Kindern lieber dörflich wohnen zu wollen und zieht für die ersten fünf Jahre nach Denstorf. Es beginnt ein Leben zwischen Misthaufen und Rücksichtnahme: „Als die Wohnung fertig war, bin ich im August gekommen. Es war sehr heiß. Ich öffnete das Küchenfenster. Direkt davor war ein Misthaufen. Ich habe zu meinem Mann gesagt: ‚Wann kommt das Gesundheitsamt? Der Vermieter muss sicher Strafe bezahlen! Er muss doch bestimmt den Misthaufen wegmachen. Mein Kind kann ja gar nicht hier auf dem Hof spielen.’ Die Eltern der Vermieterin hatten nebenan einen kleinen Bauernhof.
Mein Mann sagte: ‚Sei zufrieden, dass sie nur vier Kühe haben. Wenn es ein Großbauer wäre, wäre der Haufen viel, viel größer!’ In Deutschland sieht man am Misthaufen, wie reich der Mensch ist!“ Frau Kramer amüsiert sich über dieses deutsche Indiz für Wohlstand und erklärt die damalige Wohnsituation: „Über uns wohnte die Hauseigentümerin mit ihrer Familie, wir im Erdgeschoss. Meine Kinder sind… nicht so erzogen wie die deutschen Kinder.“ Die Erzählende lacht ihr sympathisches Lachen und fährt fort: „Der Mann der Vermieterin hatte Schichtarbeit, mal Frühschicht, mal Spätschicht. Meine Kinder hatten zwar Hausschuhe oder Wollsocken an, aber wenn sie herumliefen, hat man trotzdem ihre Schritte gehört.“
