Bei dem Schreiben (lassen) von Lebenserinnerungen oder der eigenen Biografie stellt sich immer über kurz oder lang die Frage, welche Geschichten zu Papier gebracht werden und welche weggelassen werden sollen. Zum Glück arbeitet uns an dieser Stelle in gewisser Art unser Gedächtnis zu: Erinnern tun wir uns primär an Momente, die mit deutlich positiven oder ausgesprochen negativen Gefühlen besetzt sind. Wir erinnern uns nicht an jeden Schultag, aber dieser eine Tag, an dem ich das Gedicht vor der Klasse aufsagen musste und das ganz furchtbar peinlich fand, ist unvergesslich. Oder der Jubel über die gewonnene Medaille bei den Sportspielen. Oder der kleine Liebesbrief, der mitten im Chemieunterricht auf meinem Schoß landete.
Die Tatsache, dass Erinnerung immer mit Gefühlen verbandelt ist, hat eine weitere Auswirkung: Indem ich mich erinnere, werden die damaligen Gefühle wieder lebendig: Die Angst vor dem Aufsagen des Gedichtes, der Stolz und die Freude über den sportlichen Erfolg, die Unsicherheit beim Lesen einer kleinen Liebeserklärung. Alle diese Gefühle sind wieder so spürbar als sei keine Zeit vergangen.
Und es geht noch weiter: Den damaligen Gefühlen können heutige Gefühle gegenüberstehen: Aus der Angst vor dem Lehrer ist inzwischen vielleicht Wut geworden. Dem Stolz und der Freude über die Medaille im Sportunterricht stehen vielleicht heutige Zweifel an einem Sportunterricht dieser Art gegenüber. Und vor dem Hintergrund diverser desaströser Liebesgeschichten bekommt die einfältige Liebeserklärung von einst einen ganz feinen Klang…
Mein Praxis-Tipp: Beim Verfassen (lassen) der Lebenserinnerungen oder der eigenen Biografie kann es sehr schön sein, nicht nur die damalige, sondern auch die heutige Perspektive auf ein Ereignis zu beschreiben. Nicht immer, aber hier und da.
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