Gundula Schildhauer, Inhaberin von Liebhabereien, erzählt der Autorin Maria Eilers:

„Es waren verschiedene Faktoren, die dazu führten, dass ich zusammen mit meiner damaligen Kollegin Silke Quast Liebhabereien, eine Erotikboutique für Frauen, in der Altstadt von Hannover eröffnet habe: Ich befand mich am Ende meines Studiums im Fach Diplompädagogik, Schwerpunkt Erwachsenenbildung. Mein Kind war noch klein. Wie sollte es nach dem Studium weitergehen? Mit einem kleinen Lehrauftrag war ich damals an der „Offenen Universität für Frauen“, doch diese Arbeit war auf Dauer zu schlecht bezahlt und darum keine ernsthafte berufliche Perspektive.

Parallel dazu war ich Mitglied in einer Frauengruppe, die von einer Psychotherapeutin gegründet worden war. Im geschützten Raum tauschten wir uns über psychologische Fragen und Themenstellungen aus. Gemeinsames Betrachten, Durchdenken, Durchfühlen. Es ging um Selbst- und Weiterentwicklung. Nach anderthalb Jahren dieser Zusammenarbeit – ja, es dauerte so lange! – kam das Thema „Sexualität“ auf den Tisch. Für uns alle öffnete sich eine neue Tür! Das war super. Schnell war klar, dass eine Menge Rede- und Reflexionsbedarf bestand. Darum verbrachten wir gemeinsam ein sehr spaßiges Wochenende zu diesem Thema: Lachen, Weinen, Experimentieren. Es ging um das Erproben von Rollen und individuellen Grenzen. Einmal stellten wir uns zum Beispiel die Aufgabe, uns extrem erotisch anzuziehen. Was ist für wen gewagt oder zu gewagt? Dinge, die heute auf jeder Fetisch-Party völlig langweilig sind, waren damals, vor inzwischen sechzehn Jahren, für uns absolut aufregend. Für eine der Frauen aus unserer Runde war noch an diesem Wochenende klar: „Ich mache einen Sexshop für Frauen!“ Wenig später fanden wir heraus, dass es bereits in Bremen so einen Laden gibt und wir verabredeten uns, gemeinsam dorthin zu fahren. Morgens wurden die Kinder in den Krabbelgruppen abgegeben. Am Nachmittag mussten wir wieder zurück sein. Immerhin reichte die Zwischenzeit, um drei Stunden in diesem Laden zu verbringen. An diesem Ort, umgeben von Dessous, Spielzeugen und Vibratoren hatte ich eine tiefes, klares, nur schwer in Worte zu fassendes Aha-Erlebnis, begleitet von einem körperlichen Gefühl von Sicherheit und Entschlossenheit: „Das ist genau das, was ich machen will!“

Ich sprach darüber mit der Frau aus unserer Gruppe, die schon zuvor diesen Gedanken geäußert hatte. Wir taten uns zusammen, schmiedeten Pläne und durchliefen ein Mentoring-Programm. Zwar hatten wir beide bereits in Läden gejobbt, aber weder sie als Künstlerin noch ich als Diplompädagogin hatten wirklich Ahnung vom Einzelhandel. Die Seele, mit der wir unseren Laden gestalten und führen wollten, war uns völlig klar und am wichtigsten, aber auch viele ganz pragmatische Dinge mussten von uns verstanden und gelernt werden. Zum Glück waren wir von Anfang an ein hervorragendes Team und ergänzten uns in unseren Arbeitsschwerpunkten und Begabungen. Schließlich eröffneten wir unseren Laden. Das zuvor abgeschlossene Studium gab uns ein Gefühl von Sicherheit. Wir wussten ja nicht, ob unsere Geschäftsidee funktionieren würde.  Doch wir hatten Glück. Noch während wir die Wände des Ladens mit frischer Farbe strichen, stand die Presse an der Tür: „Ein Sex-Shop für Frauen?! Wieso das denn?“, wurden wir gelöchert – und es wurde über uns in verschiedenen Zeitungen berichtet. Eine Woche nach der Eröffnung von Liebhabereien kam der NDR zu uns und berichtete anschließend in verschiedenen Sendeformaten über unseren Laden. Unvergesslich, wie meine Kollegin Silke vor der laufenden Kamera stand, einen Vibrator zeigte und lächelnd erklärte: „Dies ist ein Vibrator für die klitorale und vaginale Stimulation!“ Ja, das war unser Start vor vierzehn Jahren! Es ging sofort richtig los! Leider ist Silke ausgestiegen, als sie zum dritten Mal Mutter wurde. Das war verständlich, aber erstmal richtig traurig für mich! Seitdem führe ich den Laden – nun in der Osterstraße – allein weiter, allerdings mit einem tollen Team an engagierten Mitarbeiterinnen.

Bei Liebhabereien ging und geht es darum, einen Raum zu schaffen, in dem Menschen – und da liegen mir die Frauen besonders am Herzen – alle Facetten der Sexualität kennen lernen können. Zumindest auf der Produktebene. Neues ausprobieren. Sich trauen. Etwas wagen. Eigene Grenzen spüren oder erweitern. Liebhabereien versteht sich als ein „Erlaubnis-Raum“ für viele Frauen, sich der Selbstliebe zu widmen.

Inzwischen habe ich berufsbegleitend eine sexualtherapeutische Ausbildung abgeschlossen und biete auch Sexual-Beratung an. Eine tolle Ergänzung. Ja. Ich liebe meine Arbeit. Trotz aller Veränderungen und Herausforderungen, die nebenbei zu bewältigen sind.“

(Texterstellung: Maria Eilers. Hannover. November 2017)