Marko Kresić ist Leiter der 96-Fußballschule. Bei einem Kaffee erzählt er mir, wie er zum Fußball kam und was bis heute seine Leidenschaft für diesen Sport befeuert:

„Mein Vater hat gerne und regelmäßig Fußballspiele im Fernsehen geguckt. Während der Weltmeisterschaft in Spanien 1982 habe ich zum ersten Mal einzelne Szenen aus Spielen aufmerksam registriert. Auch wenn ich die genauen Spielverläufe nicht verstand, spürte ich die Aufregung, die in der Luft lag. 1984 war die Europameisterschaft in Frankreich. Während dieser Zeit rückte der Fußball in die öffentliche Wahrnehmung, weil viele Spiele im Fernsehen übertragen wurden. Die Bundesligaspiele konnte man damals nur im Radio verfolgen! Und in der wöchentlichen Sportschau, auf deren Beginn ich natürlich immer ungeduldig wartete! Um noch mehr vom aktuellen Fußball zu erfahren – mittlerweile war ich „infiziert!“ – schaute ich auch DDR-Fernsehen, das es damals noch gab! Inzwischen suchte ich jede Möglichkeit, um Fußballspiele zu sehen oder mitzubekommen. Ich erinnere mich daran, vor dem Radio gefiebert und währenddessen die gesprochenen Szenen mit dem Ball in der Wohnung nachgekickt zu haben – ohne Rücksicht auf Verluste!

Zuerst war ich großer HSV-Fan. Warum? Weil diese Mannschaft Anfang der 80er Jahre einfach die beste war! 1983 wurde sie Landesmeistersieger mit grandiosen Kickern wie Felix Magath, Thomas von Heesen und Uli Stein. Das beeinflusste mich natürlich. Alle Namen der Spieler merkte ich mir. Ich hatte damals einen etwas älteren Freund aus dem Bekanntenkreis meiner Eltern, der ebenfalls ein Faible für den HSV besaß und den ich sehr bewunderte. Sein ganzes Zimmer war voller HSV-Requisiten. Das fand ich toll.

Darüber hinaus hat mich sicherlich die Tatsache geprägt, dass mein Vater regelmäßig nach dem freitäglichen Wocheneinkauf, den wir als ganze Familie machten, auf dem Rückweg beim Stadion ausstieg, um ein Fußballspiel von Hannover 96 zu gucken. Von der Rückbank des Autos aus sah ich zuerst den bunt glitzernden Schützenplatz und dann die hell leuchtenden Flutlichtmasten im Stadion. Menschenmassen strömten wie magnetisch angezogen zu den Eingängen des Stadions. Mich faszinierte diese ganze Szenerie und ich rätselte, welches Spektakel meinen Vater da wohl erwartete.

Umgeben von Hochhäusern blieben für uns Jungen und Mädchen damals nachmittags außer der Wohnung nur kleine Spielplätze und Bolzplätze. Wir Kinder – zumeist Jungs – sammelten uns dort zum Fußball. Wir waren immer eine große Schar an unterschiedlichen Typen. Verschiedene Altersstufen, Herkunftsländer und Sprachen. Aber das war egal. Wir kickten unermüdlich. Damals hörte ich, dass einige Kinder in einen Sportverein gingen und dort Fußball spielten. Ich erzählte davon zu Hause. Meine Eltern reagierten skeptisch. Das deutsche Vereinswesen war ihnen als Kroaten etwas fremd und die anfallenden Mitgliedsbeiträge wirkten zusätzlich abschreckend. Erst nachdem ich lange Zeit darum gebeten und meine Eltern schließlich überredet hatte, durfte ich endlich mit neun Jahren ebenfalls dem Verein beitreten. Ich war besonders glücklich darüber. Am Anfang war ich ziemlich aufgeregt, aber vor allem war ich begeistert, nun in einem organisierten Umfeld, auf einem echten Rasenplatz und einheitlich gekleidet vor Zuschauern spielen zu können. Man, was war ich aufgeregt vor dem ersten Spiel! Und es ging gleich im ersten Spiel gegen die Roten von Hannover 96! Und es ging gleich in die Hose! 1:2. Mit einem entscheidenden Fehler meinerseits, der mit Sicherheit meiner großen Aufregung geschuldet war. Aber keiner machte mir lange Vorwürfe. Im Gegenteil. Ich wurde prima aufgenommen beim HSC Hannover aus der Oststadt und nach der Niederlage schnell wieder von den Mannschaftskameraden und meinen Eltern aufgerichtet. Zügig bildete sich eine Gemeinschaft und die Freude am Spiel, die Leidenschaft für den Fußball blieb. Bis heute.

Warum war das so? Heute bin ich Leiter der 96-Fußballschule. Tag für Tag muss ich etliche Abläufe organisieren, aber auch viele Menschen motivieren, sie mitnehmen, sie für unsere Fußballidee faszinieren. Diese Aufgaben habe ich im Grunde auch schon damals auf dem Bolzplatz übernommen. Ich hatte bereits als Junge die Angewohnheit, alle zusammen zu holen. Ich rannte herum, klingelte hier und da und dort und fragte immer: „Kommst du mit?“ Und wenn dann alle Kinder da waren, sorgte ich oft dafür, eine gewisse Struktur in das anfängliche Chaos zu bringen. Der Plan war ja, trotz aller persönlichen und sportlichen Unterschiede, nach bestimmten Regeln miteinander zu spielen. Und diese Rolle, die ich damals für uns Kinder übernahm, habe ich heute in der 96-Fußballschule in gewisser Art ebenfalls.

Das gelingt allermeistens gut. Aber einmal: Es kamen 55 Mannschaften aus unterschiedlichen Grundschulen zusammen. 55 Lehrkräfte hatten, so kam es mir vor, im selben Moment eine Frage an mich. Ich musste alle Fäden zusammenhalten. Zu Beginn dieses Tages ging das total in die Hose! Zum ersten Mal! Im Laufe der Jahre habe ich im Organisieren eine große Perfektion entwickelt. Auf alle Eventualitäten war ich immer vorbereitet oder wusste, wie spontan zu handeln war. Das klappte immer. Auch bei ganz großen Events wie der Fußballweltmeisterschaft 2006 in Deutschland – dem sogenannten Sommermärchen – wo ich für den Deutschen Fußball-Bund im Organisationskomitee tätig sein durfte. Dort musste sehr professionell alles geplant und durchgeführt werden. Es erforderte viele Menschen, immense Zeit, enormes Knowhow und reichlich Geld, um eine Veranstaltung dieser Größe gut zu organisieren. Mit allen diesen Erfahrungen im Kopf dann dieser Tag für den Grundschulfußball. 55 Mannschaften. Ganz bodenständig. Ohne Flutlicht und Blitzlichtgewitter der Fotografen. Es ging darum, knapp 600 Kinder aus knapp 25 Schulen auf neun Hallenfeldern zum Kicken zu bringen. Der Plan war lange vorher ausgearbeitet, aber die Umsetzung scheiterte – vor allem an der Kommunikation. Technik fiel völlig unerwartet aus und der Plan B funkte auch nicht. Die Nerven lagen blank. Stress pur. Aber irgendwie regelten wir es mit vereinten Kräften. Die Mannschaften kickten, was das Zeug hielt und fuhren nachmittags glücklich und zufrieden nach Hause. Das war schön zu sehen! Am Ende des Tages war ich völlig geschafft aber dennoch zufrieden. Fast 600 Kinder hatten wir gemeinsam bewegt, sie zu Höchstleistungen angetrieben und ihnen viele, viele Erfolgserlebnisse ermöglicht.

Das Tolle ist, dass ich die Begeisterung für den Fußball immer behalten habe. Ob Profi oder Amateur, ob Groß oder Klein – ich kann mich immer noch nicht satt sehen daran! Der Fußball ist nach wie vor DAS Mittel für mich, um Menschen aus unterschiedlichen Stadtteilen, Regionen, Ländern und mit verschiedensten Hintergründen zusammenzubringen. Und inzwischen besteht auch das Knowhow, die Kinder und Jugendlichen so beim Fußball zusammenzuführen, dass am Ende alle als Gewinner vom Platz gehen – und nicht nur diejenigen, die vielleicht aufgrund ihrer Entwicklung und Erfahrung aktuell etwas weiter sind als andere.

Durch meine berufliche Laufbahn habe ich viel zu diesem Thema gelernt. Sehr geprägt haben mich die Ideen des Hannoveraners Horst Wein. Vor Jahrzehnten hat er seinen eigenen Sohn Christian im Hockey trainiert, aber sowohl Papa als auch Sohn waren unzufrieden mit dem angebotenen Trainings- und Spielbetrieb. Horst Wein analysierte die Wettbewerbe und Trainingseinheiten von Christian und kam zu dem Schluss, dass beide nicht altersgerecht waren. In der Folge fing er an, die Wettkampforganisation und die Übungseinheiten an den Entwicklungsstand seines Kindes anzupassen. Das wirkte. Der Sohn war wieder mit Feuereifer dabei, wurde zum Nationalspieler und zum Kapitän der deutschen Nationalmannschaft, die im Jahr 2002 bei der Weltmeisterschaft siegte.

Wein übertrug seine Erfahrungen auf das Fußballtraining mit Kindern und schrieb dazu zahlreiche Bücher. Auch im Fußball wird viel falsch gemacht, wenn Kinder zum Spielen in der Schule oder im Verein zusammenkommen. In der gleichen Mannschaft spielen zum Beispiel sehr gute Spieler zusammen mit Kindern, die noch nicht so weit sind. Die guten Spieler werden unterfordert und gehen wegen ihres guten Spiels überheblich nach Hause. Die anderen werden überfordert, sind frustriert und die Motivation dabeizubleiben, sinkt und/oder verschwindet ganz. Das muss nicht so sein! Mit ziemlich einfachen Steuerungsmerkmalen (wie zum Beispiel der Spieleranzahl, der Anzahl der eingesetzten Tore, dem Regelwerk und weiteren organisatorischen Maßnahmen) kann man Wettkämpfe und in der Folge auch das Training individualisieren – also für jedes Kind entsprechend seines Erfahrungsschatzes anpassen. Auf diese Weise ist es möglich, dass jedes Kind, jeder Jugendliche in der Mannschaft und in der Liga spielt, in die er auch gehört. Der Sportwissenschaftler Matthias Lochmann hat Weins Gedanken zum Fußballtraining für Kinder mit empirischen Studien belegt und weiterentwickelt. Inzwischen organisiere ich mit einem großartigen Team vor dem Hintergrund dieser Erkenntnisse den Fußball in der 96-Fußballschule. Wir arbeiten demgemäß mit den Trainern zahlreicher Vereine und Schulen. Die Kinder werden zum Beispiel nicht mehr nach Jahrgängen, sondern nach Viel-Spielern (mit viel Erfahrung) und Wenig-Spielern (mit wenig Erfahrung) in Gruppen eingeteilt. So kommen auch die zum Spiel und zu regelmäßigen Erfolgserlebnissen, die bisher im Fußball kaum oder wenig Erfahrungen gesammelt haben.

Getrieben von meiner ureigenen Begeisterung und Leidenschaft für den Fußball, meiner Organisationsstärke und inspirierenden Personen in meinem persönlichen Umfeld, versuche ich diesen neuen Spielansatz zu etablieren. Das klappt immer besser. Doch ich wünsche mir noch mehr Mitstreiter, weitere grundlegende Veränderungen und mehr Offenheit, diese miteinander umzusetzen. Mein Anspruch und mein Ziel ist es, nach und nach den Fußball so zu organisieren, wie er idealerweise organisiert sein könnte und es uns der technische Fortschritt und die Digitalisierung heutzutage möglich (und einfach) machen. Statt der Konzentration auf die Besten und die Höchstleister und der damit einhergehenden Diskriminierung der weniger guten Spieler, wünsche ich mir einen Fußball, der wirklich gemeinnützig ist. Der alle dauerhaft einbindet – ob „gut“ oder „nicht so gut“. Und das möglichst ein Leben lang.

Ob dieser Prozess gelingen wird? Ich hoffe das! Für die Gesundheit und die Selbstwirksamkeitserfahrung der Kinder, aber genauso für das soziale Miteinander und in der Folge auch für die (Leistungs-)sportliche und gesellschaftliche Entwicklung von Hannover. Den Vereinen und den Schulen kommt hierbei eine herausragende Rolle zu. Sie stehen vor extremen Herausforderungen und leisten sehr wichtige soziale Arbeit. Insbesondere für Vereine und die Vereinsmitarbeiter wird aus meiner Sicht jedoch viel zu wenig getan. Diese Institutionen verdienen weitaus mehr Unterstützung und Anerkennung. Von der Politik, den Kommunen, von uns allen! (Text: Maria Eilers. April 2019/ Foto von Oliver Vosshage Photography/Photostudio Tiedthof)

 

 

Erzähl mal …

warum du die Erotikboutique Liebhabereien gegründet hast , Gundula Schildhauer!

Gundula Schildhauer, Inhaberin von Liebhabereien, erzählt der Autorin Maria Eilers:

„Es waren verschiedene Faktoren, die dazu führten, dass ich zusammen mit meiner damaligen Kollegin Silke Quast Liebhabereien, eine Erotikboutique für Frauen, in der Altstadt von Hannover eröffnet habe: Ich befand mich am Ende meines Studiums im Fach Diplompädagogik, Schwerpunkt Erwachsenenbildung. Mein Kind war noch klein. Wie sollte es nach dem Studium weitergehen? Mit einem kleinen Lehrauftrag war ich damals an der „Offenen Universität für Frauen“, doch diese Arbeit war auf Dauer zu schlecht bezahlt und darum keine ernsthafte berufliche Perspektive.

Parallel dazu war ich Mitglied in einer Frauengruppe, die von einer Psychotherapeutin gegründet worden war. Im geschützten Raum tauschten wir uns über psychologische Fragen und Themenstellungen aus. Gemeinsames Betrachten, Durchdenken, Durchfühlen. Es ging um Selbst- und Weiterentwicklung. Nach anderthalb Jahren dieser Zusammenarbeit – ja, es dauerte so lange! – kam das Thema „Sexualität“ auf den Tisch. Für uns alle öffnete sich eine neue Tür! Das war super. Schnell war klar, dass eine Menge Rede- und Reflexionsbedarf bestand. Darum verbrachten wir gemeinsam ein sehr spaßiges Wochenende zu diesem Thema: Lachen, Weinen, Experimentieren. Es ging um das Erproben von Rollen und individuellen Grenzen. Einmal stellten wir uns zum Beispiel die Aufgabe, uns extrem erotisch anzuziehen. Was ist für wen gewagt oder zu gewagt? Dinge, die heute auf jeder Fetisch-Party völlig langweilig sind, waren damals, vor inzwischen sechzehn Jahren, für uns absolut aufregend. Für eine der Frauen aus unserer Runde war noch an diesem Wochenende klar: „Ich mache einen Sexshop für Frauen!“ Wenig später fanden wir heraus, dass es bereits in Bremen so einen Laden gibt und wir verabredeten uns, gemeinsam dorthin zu fahren. Morgens wurden die Kinder in den Krabbelgruppen abgegeben. Am Nachmittag mussten wir wieder zurück sein. Immerhin reichte die Zwischenzeit, um drei Stunden in diesem Laden zu verbringen. An diesem Ort, umgeben von Dessous, Spielzeugen und Vibratoren hatte ich eine tiefes, klares, nur schwer in Worte zu fassendes Aha-Erlebnis, begleitet von einem körperlichen Gefühl von Sicherheit und Entschlossenheit: „Das ist genau das, was ich machen will!“

Ich sprach darüber mit der Frau aus unserer Gruppe, die schon zuvor diesen Gedanken geäußert hatte. Wir taten uns zusammen, schmiedeten Pläne und durchliefen ein Mentoring-Programm. Zwar hatten wir beide bereits in Läden gejobbt, aber weder sie als Künstlerin noch ich als Diplompädagogin hatten wirklich Ahnung vom Einzelhandel. Die Seele, mit der wir unseren Laden gestalten und führen wollten, war uns völlig klar und am wichtigsten, aber auch viele ganz pragmatische Dinge mussten von uns verstanden und gelernt werden. Zum Glück waren wir von Anfang an ein hervorragendes Team und ergänzten uns in unseren Arbeitsschwerpunkten und Begabungen. Schließlich eröffneten wir unseren Laden. Das zuvor abgeschlossene Studium gab uns ein Gefühl von Sicherheit. Wir wussten ja nicht, ob unsere Geschäftsidee funktionieren würde.  Doch wir hatten Glück. Noch während wir die Wände des Ladens mit frischer Farbe strichen, stand die Presse an der Tür: „Ein Sex-Shop für Frauen?! Wieso das denn?“, wurden wir gelöchert – und es wurde über uns in verschiedenen Zeitungen berichtet. Eine Woche nach der Eröffnung von Liebhabereien kam der NDR zu uns und berichtete anschließend in verschiedenen Sendeformaten über unseren Laden. Unvergesslich, wie meine Kollegin Silke vor der laufenden Kamera stand, einen Vibrator zeigte und lächelnd erklärte: „Dies ist ein Vibrator für die klitorale und vaginale Stimulation!“ Ja, das war unser Start vor vierzehn Jahren! Es ging sofort richtig los! Leider ist Silke ausgestiegen, als sie zum dritten Mal Mutter wurde. Das war verständlich, aber erstmal richtig traurig für mich! Seitdem führe ich den Laden – nun in der Osterstraße – allein weiter, allerdings mit einem tollen Team an engagierten Mitarbeiterinnen.

Bei Liebhabereien ging und geht es darum, einen Raum zu schaffen, in dem Menschen – und da liegen mir die Frauen besonders am Herzen – alle Facetten der Sexualität kennen lernen können. Zumindest auf der Produktebene. Neues ausprobieren. Sich trauen. Etwas wagen. Eigene Grenzen spüren oder erweitern. Liebhabereien versteht sich als ein „Erlaubnis-Raum“ für viele Frauen, sich der Selbstliebe zu widmen.

Inzwischen habe ich berufsbegleitend eine sexualtherapeutische Ausbildung abgeschlossen und biete auch Sexual-Beratung an. Eine tolle Ergänzung. Ja. Ich liebe meine Arbeit. Trotz aller Veränderungen und Herausforderungen, die nebenbei zu bewältigen sind.“

(Texterstellung: Maria Eilers. Hannover. November 2017)