Gesehen, gehalten, geborgen. Siebzehn Plädoyers für das Leben

Die Mutter eines computersüchtigen Sohnes. Die Schülerin, die sich an ein Leben ohne rechten Fuß gewöhnen muss. Der alte Herr, der weder den Krieg noch die Gebete seiner Mutter vergisst. Die junge Frau, die in Israel ihre Liebe zum Helfen entdeckt. Sie und viele andere erzählen der Autorin Maria Eilers. Vom Leben und Leiden, von Mut und Träumen. Jo Titze begleitet die Texte mit feinfühligen Photographien der Protagonisten, ergänzt durch seine ganz eigenen Eindrücke von den verschiedenen Phototerminen. Der Theologe Michael Borkowski spricht in seinem Aufsatz vom Mut zum Sein, auch wenn das Leben Risse bekommt. Gesehen, gehalten, geborgen. Siebzehn Plädoyers für das Leben. Ein Buch, das davon erzählt, wie das individuelle Leben gelingen kann. Ein Buch, das von Menschen erzählt, die alle zusammen für das Diakoniewerk Kirchröder Turm stehen. Ein Buch, das Mut macht.Lesen Sie selbst. Eine Textprobe:

Und eines Tages laufe ich den Marathon!
Elsa-Lena* erzählt.

Mit einem warmherzigen Lächeln begrüßt sie mich, während sich zwei Mitbewohnerinnen lautstark streiten. Elsa-Lena beobachtet mit ruhigem, wachem Blick, bietet Hilfe an. Wenig später folge ich ihren flinken sicheren Schritten die Treppe hinauf in den Gruppenraum. Wasser, Kaffee, Kekse? Die aufmerksame Gastgeberin wohnt seit einem halben Jahr in der Casa della Vita und ist dort mit ihren sechzehn Jahren eine der Älteren. Tagsüber ist sie in der Schule, aber in der Freizeit „in“ Bollywood. Sie liebt Bauchtanz, aber …

„Hier wohnen Kinder und Jugendliche, die traumatische Erfahrungen gemacht haben. Ich habe mich hier von Anfang an gut gefühlt, aber in den ersten Wochen war ich natürlich ein bisschen unsicher. Bloß nichts Falsches sagen und keine Fehler machen! Nach und nach wurde das besser – ich spürte, dass ich so akzeptiert werde, wie ich bin. Ich war vorher in einem anderen Haus. Seitdem ich hier bin, hat sich viel geändert. Ich komme mit den Betreuern gut klar und habe im Haus Freunde gefunden. Und ich bin jetzt sehr viel unterwegs, in der Stadt. Früher stand immer nur mein Bein im Vordergrund, hier in der Casa wird auch nach meiner Seele, nach mir selbst gefragt. Das finde ich gut. Wenn es mir mal nicht gut geht, ist im Laufe des Tages immer jemand da, mit dem ich reden kann.

Natürlich muss ich darauf achten, den Strumpf zu waschen und zu tragen. Das ist nervig. Neuerdings habe ich mit einer Betreuerin eine besondere Verabredung: Wenn ich sie schiebe, also die Wunde geschlossen ist und ich meine Prothese trage, setzt sie sich in meinen Rollstuhl. Wir gehen um den Annateich. Ich gehe, sie sitzt. Neulich waren es zehn Minuten. In zwei Wochen laufe ich vielleicht schon eine Stunde? Irgendwann um den ganzen Annateich? Und eines Tages laufe ich den Marathon!

Einmal waren wir alle zusammen im Heidepark. Das war super! Zuerst war ich mit zwei Betreuern und der Gruppe zusammen im Park unterwegs, nachher einfach nur mit zwei Jungs und einem Mädchen. Das hat so einen Spaß gemacht! Ich habe mich ganz viel getraut, lauter Verschiedenes ausprobiert. Ja, das war toll!

Als ich Geburtstag hatte, gab es um Mitternacht Wunderkerzen und Glückwünsche. Am nächsten Tag dann der Geburtstagstisch und Geburtstagsgäste: Mein Bezug kam, meine Mama und Oma und Opa waren da. Als Überraschungsgast stand plötzlich meine Tante auf dem Hof.

Gerade hat die Schule wieder begonnen. Ich mag alle Fächer, vielleicht besonders Deutsch. Vor den Ferien habe ich einen sehr guten Aufsatz geschrieben. Wir sollten uns zu einem Bild eine Geschichte ausdenken. Das kann ich gut. Nur die Rechtschreibung … Die Lehrerin war so streng. Jetzt haben wir eine junge Referendarin in Deutsch. Das ist toll.

Was ich mir wünsche? Ein Bein! Und, dass mein Halbbruder gesund bleibt, er ist mein Ein und Alles. Ja, ich wünsche mir, ein gesundes Leben zu führen.

Und für andere? In der Schule hatten wir heute das Thema Nationalsozialismus. So etwas darf nie wieder vorkommen. Ich wünsche mir, dass es keine Kriege mehr gibt – und Juden, Schwule und Lesben einfach so akzeptiert werden wie sie sind.

*Name geändert