Textprobe 3

Die alte Dame, die Tochter eines Kapitäns, lebt in Hamburg, mit Blick über die Elbe. Ihr Mann war Geschäftsführer in einem international aufgestellten Unternehmen. Er hat kurz nach seiner Pensionierung seine Autobiographie geschrieben – um noch einmal seinen privaten und beruflichen Weg Revue passieren zu lassen. Nun drängeln die Kinder: „Mutter, schreib doch bitte auch deine Lebenserinnerungen!“ Aber wann? Reisen, Yoga, Konzertbesuche, ehrenamtliches Engagement … Sie lässt ihre Lebenserinnerungen von Maria Eilers schreiben – und erzählt besonders gerne von den Menschen ihres Lebens:

„Unsere Tante war wirklich eine ganz tolle Frau. In den Ferien waren wir, meine Schwester und ich, oft bei ihr zu Besuch. Sie liebte Musik, hatte das absolute Gehör und eine sehr schöne Mezzosopran-Stimme. Nachmittags hörte sie gerne Musik, häufig am Radio. Wenn ihr ein Musikstück besonders gut gefiel, notierte sie schnell, aus dem Kopf, die Melodie in Noten. Unglaublich!

Tante Inge spielte Klavier und sang. Sie gab viele Konzerte. Sie war Solistin in Oratorien und Passionen. Kurz vor Ihrem Auftritt trank sie immer ein rohes Ei. Wir Kinder waren sprachlos. Ein Ei trinken? „Das tut den Stimmbändern gut!“, erklärte sie uns. Tante Inges Mann, unser Onkel Gusti, hatte auch eine sehr schöne Stimme. Er sang gerne und wunderbar, aber er trank keine Eier!

Tante Inge hatte einst Musik studiert, aber anschließend wurde sie, zum Geld verdienen, Hebamme! Diesen Beruf übte sie nicht aus, sondern heiratete unseren Onkel. Doch manchmal, wenn zu viel zu tun war, half unsere Tante der Hebamme am Ort. „Die Frau F. kann das auch!“, hieß es dann. Das fand ich toll!“

(mit freundlicher Genehmigung der Erzählerin)