Textprobe 1

Er war der jüngste Sohn, hatte zwei ältere Brüder und wuchs ganz ländlich in Rumänien auf. Die Flucht. Der Neuanfang in Deutschland. Der Beruf. Die Familie. Die Musik. Geschichten über Geschichten … Heute lebt Herr D. zusammen mit seiner Frau in Bremen. Er genießt seinen Ruhestand. Oft geht er mit den Kindern und Enkelkindern an der Weser spazieren. Doch der Respekt vor dem Wasser steckt tief. Warum eigentlich? In seinen Lebenserinnerungen, die er von Maria Eilers schreiben lässt, erzählt er endlich die Geschichte, die ihn während seines ganzen Lebens, bis heute, verfolgt:

„Als ich fünf Jahre alt war, hatte ich ein Erlebnis, das mich sehr geprägt hat und mich bis heute in Träumen immer wieder einholt: Es war Ende April, die Zeit der Schneeschmelze. Um die Häuser waren Gärten zum Fluss hin – aber ohne Zäune! Das Ufer zwischen Haus und Wasser war ziemlich steil. Ein Nachbarjunge und mein älterer Bruder Ernst hatten einen Bollerwagen gebaut. Sie steckten mich, den Kleinen, in den Bollerwagen und sie zogen mich hierhin und dorthin.

Nun kamen sie auf die Idee, den Bollerwagen immer zum Fluss hinunter rollen zu lassen und wieder zum Haus hoch zu ziehen. Wegen der Schneeschmelze hatte der Bach viel Wasser und floss wild. Irgendwann sagte der Nachbarjunge zu Ernst, meinem Bruder: „Halt mal! Ich will mal kurz was machen!“, und ließ den Bollerwagen los. Mein Bruder hielt in diesem Moment nicht richtig fest – und ich rollte rückwärts den Abhang herunter. In die Fluten. Ich kippte aus dem Wagen, der Bollerwagen rollte auf mich, sodass ich rücklings unter dem Bollerwagen im Wasser lag. Aus Reflex hielt ich den Bollerwagen an der Deichsel fest und kam irgendwie wieder hoch.

Mein Bruder rief nach mir: „Rolf!“, und sprang hinter mir her, obwohl er nicht schwimmen konnte. Nun hingen wir beide an dem Bollerwagen und schleppten uns bis zur nächsten Kurve des Flusses. Die Strömung war erheblich. Vor uns der Wasserfall. Es war wie ein Wunder. Plötzlich stand da unser Nachbar Onkel Waldo am Ufer, hielt eine Holzstange zu uns ins Wasser und zog uns heraus.

Immer wieder hatte ich später Träume, in denen mein großer Bruder Ernst vorkam und es um Wasser ging. Darauf komme ich später…“

(mit freundlicher Genehmigung des Erzählers)