Das Leben im ländlichen Raum hat sich im Laufe der letzten Jahrzehnte erheblich verändert und insgesamt zu mehr Vereinzelung und Anonymität geführt. Die Gemeinde Wedemark will unter der Projektleitung der Kulturbeauftragten Angela von Mirbach mit dem oben genannten Kulturprojekt konstruktiv wieder zu einer lebendigen Nachbarschaftlichkeit in den diversen Orten der Wedemark ermuntern.

Das Transportieren von Gedanken, Ideen und Handlungsvorschlägen in Bildern und Geschichten hat Tradition. Die von den Brüdern Grimm gesammelten Volksmärchen sind ein allseits bekanntes Beispiel dafür. Titelgebend für dieses Wedemärker Projekt ist „Rotkäppchen“. Dabei liegt der deutliche Fokus auf einer bestimmten Szene, nicht auf dem gesamten Märchen: Rotkäppchen verlässt den gewohnten Weg, den vertrauten Ablauf, das tradierte Verhalten, um „abseits des Weges“ Blumen zu pflücken. Rotkäppchen wagt sich auf fremdes, unerprobtes Terrain, um Schönes zu finden und zu schenken.

Die Gemeinde Wedemark startet im Mai 2019 das Projekt „Rotkäppchen und er Gugelhupf“. Die inszenierte, aber dennoch spontane und überraschende Begegnung mit „Rotkäppchen“ (Autorin Maria Eilers) könnte für manche Wedemärkerinnen und Wedemärker ein Impuls sein, sich selbst auf den Weg in die Nachbarschaft zu wagen und das Schöne zu genießen, das daraus entsteht.

Wie soll das genau aussehen?

 

Vorbereitung:

Im Vorfeld wird den Wedemärker Landfrauen und der Nähgruppe „Taschentalente“ das geplante Projekt vorgestellt. Für Maria Eilers wird ein „Rotkäppchen-Kostüm“ erstellt. Das Design kommt von Tanja Primke, das Fertigen übernimmt die Wedemärker Nähwerkstatt „Taschentalente“.

 

Der Ablauf der Aktionstage:

„Rotkäppchen“ fährt pro Aktionstag kostümiert und mit „Weidenkörbchen“ zu zwei Landfrauen der Wedemark. Landfrauen sind klassischerweise Frauen, die einen landwirtschaftlichen Betrieb führen oder geführt haben oder in veränderter Weise ein nach wie vor ländliches Leben führen. In den vergangenen Jahrzehnten und Jahrhunderten waren sie und sind sie oft bis heute der Inbegriff von Nachbarschaftlichkeit und Gastfreundschaft. Der lange Tisch in der Küche, an dem die ganze Hausgemeinschaft und jeder Gast, der spontan dazu kommt, am Nachmittag mit Kaffee und Kuchen bewirtet wird, ist ein dafür typisches Bild. Darum ergänzt die der Landfrau gestellte Frage, „was das Rezept für gute Nachbarschaft“ sei das Abholen des „Gugelhupfes“ (oder eines anderen Kuchen) plus Kaffee und Geschirr für zwei Personen. Als Erinnerung an diese Begegnung wird von jeder Landfrau plus Rotkäppchen ein „Selfie“ gemacht. Zudem werden die Rezepte der jeweiligen Kuchen und die Statements zum Thema Nachbarschaft gesammelt.

Gut ausgestattet macht sich „Rotkäppchen“ auf den Weg in einen ausgewählten Ort der Wedemark. In diesem Ort läuft sie so lange herum, klingelt hier und da, bis sie jemanden findet, der sich auf einen spontanen „Nachbarschaftsplausch“ einlässt. Nun wird bei Kaffee und Kuchen zum Thema Nachbarschaft erzählt. Gewohntes, Vergangenes, Veränderungen, Probleme, Freuden, Ängste… Am Ende trennt man sich wieder – und es bleiben im besten Fall eine freudvolle Erinnerung an diese spontane Begegnung und eine Motivation, selbst (wieder oder verstärkt) aktiv Begegnungen mit Nachbarinnen und Nachbarn zu suchen. Dieses Prozedere wird wiederholt. Pro Ort werden nach dem Zufallsprinzip zwei „Nachbarn“ gesucht. Im Laufe des Projektes werden acht Orte besucht.

Während der Laufzeit des Projektes steht, als Hinweis auf das Projekt, ein Bauwagen vor dem Rathaus. Dort wird das Märchen Rotkäppchen für Erwachsene und Kinder vorgelesen.

 

Dokumentation:

Einzelne Statements zum Thema Nachbarschaft in der Wedemark werden von Maria Eilers (ohne Namensnennung) gesammelt und später in der „Dokumentation“ veröffentlicht. Diese Dokumentation in „Pixi-Buch-Format“ wird von Tanais Aupest als Graphik Novel gestaltet. Die Rezepte und Fotos der Landfrauen, aber auch Skizzen der Designerin, Fotos von den Näherinnen etc. fließen mit ein.

 

Abschluss:

Aus gesammelten roten Stoffresten werden nach dem Entwurf von Tanja Primke in der Nähwerkstatt „Taschentalente“ insgesamt 200 rote kleine Taschen genäht und bei der Abschlussveranstaltung (per Trecker fahren die Kulturbeauftragte Angela von Mirbach und Maria Eilers durch die Ortschaften) zusammen mit der Dokumentation in „Pixi-Buch-Format“ verschenkt – denn gute Nachbarschaft kann man nicht kaufen, nur schenken und geschenkt bekommen!

Im Jahr 2009 starteten die hannoverschen Künstler Guido Kratz (Malerei) und Maria Eilers (Texte) ihr zweites partizipatives Kunstprojekt, mit dem sie seitdem in Deutschland und seit 2013 auch im Ausland unterwegs waren: “Kunst hilft wirklich.” Im Jahr 2016 beendeten die Künstler dies Projekt. Ein Rückblick:

Immer ging es um die Frage “Was ist dir wirklich wichtig? Worauf  möchtest du auf keinen Fall verzichten?” Wegbegleiter, Kunstinteressierte und Besucher der Ausstellungen notierten Wünsche, Sehnsüchte, Lebensentwürfe, oder zählten Unverzichtbares auf und warfen es in den orangenen Zettelkasten. Die Künstler Guido Kratz und Maria Eilers setzten in den für sie typischen TextBildern die geäußerten Wünsche um – wörtlich, assoziativ, atmosphärisch oder augenzwinkernd. Der TextBild-Zyklus “Kunst hilft wirklich” umfasste zum Schluss fast vierzig Arbeiten.

Weitere Informationen und Ausstellungsanfragen unter der zum Projekt gehörenden Internetseite und unter www.prokeramik.de