Die Wedemark – meine Liebe. Frauen über achtzig erzählen
Die Wedemark – meine Liebe. Männer über achtzig erzählen

Sie sind alle um die achtzig Jahre alt oder älter. Sie wurden in der Gemeinde Wedemark geboren oder leben dort seit mindestens fünfzig, sechzig Jahren. 15 Frauen und 15 Männer erzählen in Einzelgesprächen der freien Autorin Maria Eilers: Dramatisches, Lustiges, Denkwürdiges, Unvergessliches des eigenen Lebens und des Lebens in der Wedemark. Aus dem Gehörten hat Maria Eilers frische, authentische Texte geschrieben, die alle zusammen die Wedemark – im Wechsel der vergangenen achtzig Jahrzehnte – lebendig machen. Fotos der Protagonisten von Jo Titze. Lesen Sie mal!

Das war eine schöne Zeit, aber hart!
Erika Gallito

Dort, wo heute der Fernsehturm in Hannover steht, wurde sie 1909 geboren. Ihre Kindheit verbrachte sie in dem damals verruchten Linden. Direkt nach dem Krieg kam sie zusammen mit ihrem Mann und ihren drei bereits jugendlichen Kindern aus dem ausgebombten Hannover in die Wedemark, nach Bissendorf-Wietze. Heute lebt sie in Bissendorf. Sohn und Tochter, beide inzwischen selbst um die achtzig Jahre alt, kümmern sich liebevoll um die Mutter. Erika Gallito. Eine vitale, tapfere kleine Frau mit vollem weißem Haar. Sie schaut munter aus ihren blauen Augen, erzählt unbekümmert von schweren Zeiten und lacht zwischendurch herzlich, fast übermütig.

Das war eine schöne Zeit da draußen an der Wietze, aber hart! Hart. Als wir dorthin kamen, war Helmut, der Älteste von unseren drei Kindern, bereits in der Lehre. Ich erinnere mich genau: Die Kinder bekamen mehr Brot auf die Marken als wir.
Unsere erste Hütte flochten wir damals aus Heide: Hinter der Eichenkreuzburg war eine riesige Heidefläche. Dieses Heidekraut holten wir uns. Den Draht, um alles zu befestigen, bekamen wir durch Kungelei und Tausch, wie die Männer das so machten. Als alles fertig war, besuchte uns der Herr Pastor und guckte, wie wir in dieser kleinen Hütte lebten. Er sagte nicht: „Das ist nicht menschenwürdig, wie ihr hier wohnt!“ Nein, das sagte er nicht. So etwas sieht ein Pastor nicht.
Dieser Kirchenmann wusste gar nicht, dass wir Freidenker waren. Nein, das wusste er nicht, sonst hätten wir das Grundstück nicht bekommen. Es gehörte der Kirche. Mein Großvater, der Vater meiner Mutter, war ein gebürtiger Bissendorfer. Der Renders aus Bissendorf und mein Großvater waren Cousins. Wegen dieser Verbindung bekamen wir den Platz im Wald. So gingen wir in die Wedemark nachdem Hannover total ausgebombt war. Da war nichts mehr, gar nichts mehr!
Der Bruder meiner Mutter war noch kleiner als ich. Er war verwachsen. Viele Jahre arbeitete er in der Mühle von Renders. Danach wohnte er lange Zeit bei uns. Ja, wir fingen hier ganz, ganz traurig an, aber gemeinsam meisterten wir nach und nach alles.
Wir waren die ersten, die dort im Wald bauten. Unser erstes richtiges kleines Haus war dann aus Holz: Mein Mann befestigte Bretter von Paletten zwischen den Bäumen. Wir halfen alle mit, die drei Kinder und ich. Die Zimmerwände waren aus Teerpappe, die mit Draht gehalten wurde. Wenn die Kühe sich an den Bäumen scheuerten, wackelte das ganze Haus. Um das Haus herum waren ja lauter Weiden. Vom Bau brachte mein Mann eine Bank mit. Am Tage saßen wir darauf, in der Nacht war sie das Bett unseres Sohnes. Ja, wir haben hier ganz, ganz traurig begonnen. Der Anfang war schwer, ganz schwer. Aber man gewöhnt sich daran. Ich sagte immer: „Ich habe hier eine Bleibe, aber kein Zuhause!“ Ja, vierzig Jahre haben wir da draußen an der Wietze zugebracht. (…)

Wenn man immer gearbeitet hat, kann man nicht ohne Arbeit.
Adolf Bammann

Wir sitzen unter einer 170 Jahre alten Linde auf einer einfachen Holzbank. Einst wurde der Baum dicht am Haus gepflanzt, damit nicht so viel wertvolles Gartenland verschwendet wird. Die Blätter rauschen. Auf der Wiese vor dem seit Mitte des 19. Jahrhunderts von der Familie bewohnten Haus liegt etwas Heu. An der Seite hohe Tannen, eigentlich sollten sie als Tannenbäume verkauft werden. Im Hintergrund eine noch junge Anpflanzung von Obstbäumen. Adolf Bammann wurde in Hellendorf geboren. Seit über achtzig Jahren lebt und arbeitet er hier.

Dieses ganze Gebiet hier sind eigentlich die Kartoffelgärten. Früher hatte jeder Bauer ein kleines Stück Land. Die Kartoffeln wuchsen in der Feldmark nicht, weil es dort zu sandig und zu trocken war. Aber hier wuchsen sie. Darum wurden jedes Jahr Kartoffeln gepflanzt. Zwanzig Jahre lang, immer die gleiche Pflanze – und es wuchs. Bis heute wächst es hier gut, weil es hier feucht ist. Bei sechzig Zentimetern kam früher das Grundwasser. Wenn man einen Zaunpfahl eingrub – war nach einem halben Meter Wasser. Darum hatten die Häuser hier keinen Keller.
Auf diesem Grundstück entspringt der Mühlenbach. Auf einer alten Karte von 1777 ist er eingezeichnet. Der war immer randvoll und trieb zusammen mit anderen Zuflüssen die Mühle an. 1970 kam die Flurbereinigung. Seitdem ist das Wasser weg, die Beeke versiegt.
Ursprünglich war dies das Hellendorfer Hirtenhaus, ein Lehmfachwerkhaus, das in den 1830er Jahren gebaut wurde. Vermutlich wohnte zuerst ein Hirte darin. Für einen Hirten ist es ein ziemlich großes Haus! Mein Ururgroßvater kaufte es 1843 mit 32 Jahren. Vorher lebte er im Haus Nummer 12 hier in Hellendorf. Damals kam der Stacheldraht gerade auf und die Felder wurden von den Fürsten aufgeteilt. Bis dahin hatten die Bauern nur ihre Ackerflächen. Ansonsten wuchs überall Heide.
Das Haus ist aus dieser alten Zeit – und trotzdem ist es noch sehr gut, alles ist noch recht gerade, obwohl mitunter das Wasser hoch stand! Dabei sind unter dem Haus nur Feldsteine, auf die Balken gelegt wurden. Weil mein Ururgroßvater das Haus gleich verschalt hat, ist das Lehmfachwerk noch erhalten. Das ist ein Glück.
Mein Ururgroßvater lebte hier, später mein Urgroßvater. Mein Großvater ist leider schon mit 32 Jahren gestorben. Sie alle hießen „Meine“. In Hellendorf trugen viele diesen Nachnamen. Der erste Meine hatte in die Nummer 12 eingeheiratet, kam aus Meitze von dem Hof Hapke. Der war Lehrer. Schulmeister. Das war Anfang des 18. Jahrhunderts.
Als ich noch Kind war, war hier um das Haus herum überall Garten, Nutzgarten. Das war ja im Krieg. Da wurde noch alles genutzt. Meine Oma achtete immer darauf, dass nirgends eine Hecke gepflanzt wurde: „Da sitzen die Wühlmäuse drin!“
Hinter den Tannen habe ich vor zwei Jahren hundert Obstbäume gepflanzt. Äpfel, Zwetschen und Kirschen. (…)

(… weisen auf weggelassene Textpassagen hin.)

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