Frauen.Gesichter.Geschichten. Vom Schwarz-weiß in die Farbe.

Migrantinnen und Deutsche aus Peine im Gespräch über Eigenes und Fremdes. Im Auftrag der Gleichstellungsbeauftragten des Landkreises Peine Silke Tödter spricht die Autorin Maria Eilers mit dreizehn Frauen aus dem Landkreis Peine. Deutsche und Migrantinnen. Alle erzählen, entlang an immer wiederkehrenden Gesprächsimpulsen, über das Eigene und das Fremde. Die Photographin Marion Coers ergänzt die entstandenen Texte mit schwarz-weißen und farbigen Fotos. Peine 2009.

Aus China:

Die junge zierliche Chinesin kommt lächelnd auf mich zu. Sofort beginnt sie schnell und wortgewandt auf Deutsch zu plaudern.

Was motiviert, aus dem großen China in das überschaubare Deutschland zu ziehen? „Mein Mann ist Deutscher. Wir haben uns in China kennen gelernt. Er ist total süß, er ist mein Traummann. Darum bin ich Neujahr 2006 hierhergekommen.“ Der Entschluss ist nicht leicht gefallen. „Damals, als ich noch in China war, habe ich sehr gezweifelt. Ich wollte überhaupt nicht hierher kommen. Ich wollte in China bleiben, dort ist meine Mutter und dort sind alle meine Freunde.“ Nicht nur Freunde und Familie, auch die Arbeit macht einen Umzug nach Europa schwer vorstellbar. In einem Unternehmen, das Kunststoff für Autos produziert, arbeitet Liman als Übersetzerin und Sekretärin. „Mein Mann hat dort mehrmals als Techniker für ein paar Monate chinesische Kollegen in den Umgang mit neuen Maschinen eingewiesen. So haben wir uns in dieser Firma getroffen.“

Wäre auch in China ein Leben zu zweit möglich gewesen? „Ich hatte bereits für meinen Mann in China einen Arbeitsplatz gefunden. Das Gehalt wäre sogar ganz gut gewesen. Aber er wollte auf keinen Fall in China bleiben, er wollte wieder nach Deutschland. Ich konnte nichts machen. Ich habe so geweint.“ Liman Yu-Weddige nimmt den Schmerz des Abschieds von China auf sich, um ihrer Liebe zu folgen. Sie erinnert sich ganz deutlich an ihre Ankunft in Deutschland. „Ich konnte überhaupt kein Deutsch, nur Englisch. Das Flugzeug landete in Langenhagen. Mein Mann wollte mich mit meinen Schwiegereltern zusammen abholen und hatte sich um fünf Minuten verspätet. Es war ein Stau auf der Autobahn. Aufgeregt dachte ich: ‚Was soll ich machen? Ich kann kein Deutsch, ich habe kein Handy!’ Ich habe fast geweint.“ Mit einem Lachen schüttelt sie die angstvolle Erinnerung ab und ergänzt: „Aber dann kam er, und ich habe meine Schwiegereltern zum ersten Mal gesehen. Wir leben zusammen in einem Haus mit Garten. Sie wohnen unten, wir wohnen oben. Es ist schön.“…

Aus Deutschland:

… Die Deutsche, die Französin, die Frau aus dem Migrationshintergrund. Wo sind Ähnlichkeiten, wo Unterschiede? „Auf jeden Fall unterscheiden uns sehr die unterschiedlichen kulturellen Traditionen. Daraus ergeben sich allerdings für mich selber überhaupt keine Probleme im Kontakt zueinander. Gar nicht!“

Ute Best erinnert sich sehr gerne an eine Reise nach Mali: „Als ich in Mali war, habe ich sehr viele muslimische Frauen kennen gelernt, die diese wunderbaren Turbane tragen. Ich habe mich sofort unter diesen Frauen wohl gefühlt und, um das zu zeigen, ihre Kleidung getragen.“ Lebendige, bunte Erinnerungsbilder. Die Künstlerin strahlt. „Ich habe gemerkt, dass ich so viel schneller Kontakt zu den Frauen dort finde. Ich konnte an keiner Frau vorbeigehen, ohne dass ich angestrahlt wurde.“ Ute Best ist damals mit einer Gruppe unterwegs. Die anderen Mitreisenden bleiben zurückhaltender. „Es war merkwürdig, dass ich überall begrüßt wurde und sich alle über mich freuten. Die anderen Frauen standen ein bisschen daneben und sagten ‚Was ist das nur?’“ Für einen Augenblick steht diese Frage erneut im Raum. „Es kann nur daran gelegen haben, dass ich meine Begeisterung für die dortige Lebensart und Kleidung gezeigt habe.“ Lachend erinnert sie sich an eine Kleinigkeit: „Ich hatte deshalb zwar immer abends blaue Beine – die indigogefärbten Röcke färbten die Haut wenn es heiß war – aber das machte nichts! Für mich war das sehr interessant und eine gute Erfahrung.“ …

Aus Finnland:

… Hely Kramer erinnert sich an ihre ersten Jahre als Familie in Deutschland: „Meine Tochter ist in Finnland geboren. Ich wohnte dort allein mit ihr, dann kam ich hierher. Wir haben in Braunschweig nach Wohnungen geguckt. Ich war bereits mit dem zweiten Kind schwanger und stellte mir vor: Vierte Etage. Ein Kind unter dem linken Arm, eins unter dem anderen. Der Kinderwagen durfte nicht im Treppenhaus stehen. Zwischen 13 und 15 Uhr sollte man auf den Knopf drücken, der dafür sorgt, dass die Kinder leise sind.“ Frau Kramer lacht und für einen Moment sehe ich sie in Gedanken mit den zwei Kindern unter dem Arm….

Damals entscheidet sie sich, mit den Kindern lieber dörflich wohnen zu wollen und zieht für die ersten fünf Jahre nach Denstorf. Es beginnt ein Leben zwischen Misthaufen und Rücksichtnahme: „Als die Wohnung fertig war, bin ich im August gekommen. Es war sehr heiß. Ich öffnete das Küchenfenster. Direkt davor war ein Misthaufen. Ich habe zu meinem Mann gesagt: ‚Wann kommt das Gesundheitsamt? Der Vermieter muss sicher Strafe bezahlen! Er muss doch bestimmt den Misthaufen wegmachen. Mein Kind kann ja gar nicht hier auf dem Hof spielen.’ Die Eltern der Vermieterin hatten nebenan einen kleinen Bauernhof.

Mein Mann sagte: ‚Sei zufrieden, dass sie nur vier Kühe haben. Wenn es ein Großbauer wäre, wäre der Haufen viel, viel größer!’ In Deutschland sieht man am Misthaufen, wie reich der Mensch ist!“ Frau Kramer amüsiert sich über dieses deutsche Indiz für Wohlstand und erklärt die damalige Wohnsituation: „Über uns wohnte die Hauseigentümerin mit ihrer Familie, wir im Erdgeschoss. Meine Kinder sind… nicht so erzogen wie die deutschen Kinder.“ Die Erzählende lacht ihr sympathisches Lachen und fährt fort: „Der Mann der Vermieterin hatte Schichtarbeit, mal Frühschicht, mal Spätschicht. Meine Kinder hatten zwar Hausschuhe oder Wollsocken an, aber wenn sie herumliefen, hat man trotzdem ihre Schritte gehört.“…

… weisen auf weggelassene Textpassagen hin.

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