Alle solche Dinge passierten – aber niemandem hat man etwas übel genommen

Adolf Spohr aus Hambühren

(…) Im ersten Lehrjahr fuhr ich mit dem Zug zur Arbeit. Ich bekam dort im Gasthaus Essen und Trinken. Während meiner Arbeitszeit musste ich nur Putzarbeiten machen und die Tische eindecken. Das war alles schön. Im zweiten und dritten Lehrjahr hatte ich in der „Städtischen Union“ ein Zimmer. Mein Monatsverdienst betrug damals 8 DM. Zusätzlich beteiligte sich mein Lehrherr an den Kosten für die Zugfahrkarte. Zuhause waren wir zehn Geschwister. Meine Eltern mussten zusehen, wie sie zurechtkamen. Gleich zu Beginn meiner Ausbildung musste ich einen schwarzen Anzug tragen. Wo sollte der nun herkommen? Wir fuhren nach Hannover. Zum DeFaKa, dem Deutschen Familien-Kaufhaus. Dort wurde Maß genommen und ein Anzug für mich geschneidert. Bis der fertig war, musste ich während der Arbeit meinen Konfirmationsanzug tragen. Ich fühlte mich absolut unwohl! Alle liefen in Schwarz herum. Nur ich trug meine gestreiften, alten Klamotten. (…) Gerade fällt mir ein Streich aus meiner Kindheit ein: In der MUNA wurde während des Krieges Munition hergestellt. Der Bunker, an den ich jetzt denke, sah von außen wie ein bewachsener Hügel aus, damit die Flugzeuge diese Munitionsstätte nicht entdeckten. Mein Freund Erich schlug eines Tages vor: „Komm, wir gehen in die MUNA. Da gibt’s bestimmt etwas zu holen!“ Waren wir damals acht, neun Jahre alt? Ich weiß es nicht mehr. Aber ich erinnere mich ganz genau, wo sich dieser Bunker befand. Die Tür stand halb offen. Drei, vier Stufen ging es herunter. Überall lag Munition herum. Lange Geschosse. Komplett. Nur die Zünder waren vermutlich nicht scharf. Wir stiegen über die Munition hinweg. Wo gab es etwas Interessantes? Unser Blick fiel auf eine große, ausgefütterte Holzkiste. Darin lagen zwei riesige Geschosse. Statt eines Metallgriffes war ein dicker Strick an dem einen Ende dieser Kiste befestigt. Dies Ding schnappten wir uns. Kaum kamen wir aus dem Bunker heraus, sahen wir einen Jeep. Ein Armeefahrzeug der Engländer. „Ach du Schreck! Jetzt sind wir dran!“ Was tun? Wir nahmen unsere Kiste und rannten los. Immer weiter, immer weiter. Bis zu einer Schonung. Völlig außer Atem fragten wir uns gegenseitig: „Was machen wir jetzt mit der Kiste?“ Ruckzuck hatten wir einen Plan: Wir verstecken sie bis zum Abend in diesem Wäldchen und wenn es dunkel ist, holen wir sie. Gesagt, getan! Alles klappte. Die Kiste stand zu Hause. Doch nun? Dieses Ding war ja überhaupt nichts wert! Der Kasten war fachmännisch zusammengebaut. Mit verzinkten Eckverbindungen. Aber das war auch schon alles. Wir versuchten, an der Kiste herumzuwerkeln. Am Ende hatten wir nur noch Trümmer vor uns. Egal! Diese Geschichte war trotzdem ein Erlebnis!

Aus: „Was ich fand im Celler Land. Frauen und Männer erzählen Typisches und Kurioses“ Celle 2019.

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