Das war eine schöne Zeit, aber hart!

Erika Gallito

Dort, wo heute der Fernsehturm in Hannover steht, wurde sie 1909 geboren. Ihre Kindheit verbrachte sie in dem damals verruchten Linden. Direkt nach dem Krieg kam sie zusammen mit ihrem Mann und ihren drei bereits jugendlichen Kindern aus dem ausgebombten Hannover in die Wedemark, nach Bissendorf-Wietze. Heute lebt sie in Bissendorf. Sohn und Tochter, beide inzwischen selbst um die achtzig Jahre alt, kümmern sich liebevoll um die Mutter. Erika Gallito. Eine vitale, tapfere kleine Frau mit vollem weißem Haar. Sie schaut munter aus ihren blauen Augen, erzählt unbekümmert von schweren Zeiten und lacht zwischendurch herzlich, fast übermütig.

„Das war eine schöne Zeit da draußen an der Wietze, aber hart! Hart. Als wir dorthin kamen, war Helmut, der Älteste von unseren drei Kindern, bereits in der Lehre. Ich erinnere mich genau: Die Kinder bekamen mehr Brot auf die Marken als wir.

Unsere erste Hütte flochten wir damals aus Heide: Hinter der Eichenkreuzburg war eine riesige Heidefläche. Dieses Heidekraut holten wir uns. Den Draht, um alles zu befestigen, bekamen wir durch Kungelei und Tausch, wie die Männer das so machten. Als alles fertig war, besuchte uns der Herr Pastor und guckte, wie wir in dieser kleinen Hütte lebten. Er sagte nicht: „Das ist nicht menschenwürdig, wie ihr hier wohnt!“ Nein, das sagte er nicht. So etwas sieht ein Pastor nicht.

Dieser Kirchenmann wusste gar nicht, dass wir Freidenker waren. Nein, das wusste er nicht, sonst hätten wir das Grundstück nicht bekommen. Es gehörte der Kirche. Mein Großvater, der Vater meiner Mutter, war ein gebürtiger Bissendorfer. Der Renders aus Bissendorf und mein Großvater waren Cousins. Wegen dieser Verbindung bekamen wir den Platz im Wald. So gingen wir in die Wedemark nachdem Hannover total ausgebombt war. Da war nichts mehr, gar nichts mehr! (…)

Ja, wir fingen hier ganz, ganz traurig an, aber gemeinsam meisterten wir nach und nach alles. Wir waren die ersten, die dort im Wald bauten. Unser erstes richtiges kleines Haus war dann aus Holz: Mein Mann befestigte Bretter von Paletten zwischen den Bäumen. Wir halfen alle mit, die drei Kinder und ich. Die Zimmerwände waren aus Teerpappe, die mit Draht gehalten wurde. Wenn die Kühe sich an den Bäumen scheuerten, wackelte das ganze Haus. Um das Haus herum waren ja lauter Weiden. Vom Bau brachte mein Mann eine Bank mit. Am Tage saßen wir darauf, in der Nacht war sie das Bett unseres Sohnes. Ja, wir haben hier ganz, ganz traurig begonnen. Der Anfang war schwer, ganz schwer. Aber man gewöhnt sich daran. Ich sagte immer: „Ich habe hier eine Bleibe, aber kein Zuhause!“ Ja, vierzig Jahre haben wir da draußen an der Wietze zugebracht.“ (…)

 

Aus: Die Wedemark – meine Liebe. Frauen über achtzig erzählen. Wedemark 2015

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